Regruppierung der 4. Kav Div und Vormarsch der 10. russ Kav Div  1000 Uhr


Mittlerweile erreichte die russische Haupttruppe die Berimowka und erhielt den Auftrag in die deckende Tiefe der Mala Strypa (Graben Jaroslawice- Manilowka- Beremowce)vorzugehen.

 

Angelangt, waren beide gegnerischen Divisionen nun zur selben Zeit in einem der beiden, fast parallel führenden Gräben (Manilowka – Wolczkowce).“

 

Die ständig verstärkte russische Artillerie (18 Kanonen) zogen in eine bessere Stellung vor, um den Vormarsch der Schwadronen unter GM Markoff unterstützen zu können. Als deren Spitze den dominierenden Hügel 411 südlich Wolczkowce erreichten, erhielten dort die Kosaken starken Widerstand vom zurückgehenden Rest der Landwehr-Infanterie (Eccher), welcher sie zum abgesessenen Kampf zwang. Inzwischen marschierte die Spitze der 9. russischen Kav Div zum Wald von Hukalowce vor, wo sie ebenfalls auf Widerstand stießen und zwar durch die wieder gesammelte 4. Kompanie LIR 35.

 

Galerie unten:

 

1. Der Weg von Jaroslawice nach Wolczkowce (Blick von Osten nach Westen), dem die Masse der 4. Kav Div im Rückzug passierte und nach deren Absetzen ein Infanteriekampf zwischen Teile des LIR 35 und der anrückenden Orenburg Kosaken stattfand (Höhe 411).

 

2. Lage gegen 1000 Uhr, gemäß Originalskizze Hoen/Waldstätten in Karte und Google Bild übertragen. Das UR 1 befindet sich in einer Senke nordostwärts Wolczkowce, das UR 13 davor am halben Abhang (Aufstieg zu 410/418), das DR 15 und DR 9 auf der Anhöhe südlich davon, beim Friedhof von Wolczkowce. Der Kampf der Landwehrteile bei Höhe 411 (auf Google Earth Bild: schwarzer „Wolkenfleck“) gegen die Orenburg Kosaken ist nicht eingezeichnet.

 

3. Blick in den Raum UR 1 („Mulde“), etwa von wo das UR 13 stand, das DR 15  links davon auf der Anhöhe. Zu sehen, der Maierhof Bezodnie im Mittelgrund, davor befindet sich der Sumpf der Strypa mit einer kleinen Brücke.

 

4. Blick aus dem Raum UR 1, aus der „Mulde“  in den Bereich UR 13 und Stellungsraum RAD 11, Höhe 410 (einzelner Baum = ist auch Platz Zarembas). Blick Richtung Kote 418, dem späteren Melee-Feld. Diese Kote 410 ist südsüd-östlich der Kote 418.

 

5. Blick von der Anhöhe 418 Richtung  Wolczkowce (im Mittelgrund) in den Regruppierungs-Raum der 4. Kav Div.

 

6. Blick in den Raum UR 1 von Norden, links im Bild, mittig das versumpfte Bachbett der Strypa.

 


Lageentwicklung bis 1030 Uhr

So mußte notgedrungen eine längere Atempause eingeschaltet werden, wobei sich die Artillerie in einer verdeckten Feuerstellung etwa 800 Schritte südwestlich Kote 410 bereitzuhalten hatte, herankommenden Feind unter Feuer zu nehmen.“

 

Die 4. Kav Div war faktisch nach wie vor in großer Unordnung. Nur teilweise kam der nächste Befehl bei den Einheiten an, sich westlich der Strypa  zurückzuziehen (also diese zu überschreiten), um dort eine bessere Position für weitere Aktionen zu beziehen.

 

Die österr. Artillerie sollte einen Stellungswechsel nach westlich von Wolczkowce durchführen. Bezüglich der Ausführung dieses Manövers, westlich der Strypa Stellung zu beziehen, gibt es unklare Aussagen:

 

Hauptmann Lauer (RAD 11): „Wir sind eben im Begriff, den Rückzug-Entschluss durchzuführen und die Bewegung von 410 gegen Wolczkowce anzutreten, als Obstlt Maxon (de Rövid, der GStbChef der Div) sagt: >Das bedeutet ja Rückzug, die österreichisch-ungarische Kavallerie geht nicht zurück. Wir werden nach links seitwärts und vorwärts (quasi Direktion Hukalowce) vorrücken und den Feind in der Flanke angreifen<.“

 

Oberst Weiß hingegen: „9er Dragoner und 1er Ulanen passieren sogleich die Strypa-Niederung. Die 15er Dragoner und 13er Ulanen decken das Aufprotzen der Artillerie und folgen dann nach“.

 

Die Aussage des Generalstabschefs der 4. Kav Div, Oberstlt Maxon de Rövid, deutet auf ein riesiges Führungs-Problem hin: Man vertraute Zaremba seit der unglücklichen Episode südlich Jaroslawice offenbar nicht mehr. Maxon war offenbar nicht der Einzige, auch Oberst Weiß und Oberst Kopecek schienen auf Zaremba’s Führung nicht mehr viel zu halten, wie sich durch ihre Passivität noch herausstellen sollte.

 

Hoen/Waldstätten kommentieren dies wie folgt: „General Zaremba rang zwischen Rückzug und Verweilen östlich der Strypa. Aus dem Glauben, schon die Artillerie der 11. Inf Div und 8. Kav Div zu hören, fiel seine Neigung auf die letztgenannte Variante“.

 

Aber auf Glauben basiert eben kein militärischer Erfolg! Wie man Artillerie-Donner zweien anderen, weit entfernten, eigenen Divisionen zuordnen könnte, wenn man selbst unter Beschuss liegt, ist rätselhaft.... Ein besonderes Phänomen dieser Gegend der Ukraine in der Sommerzeit ist allerdings, dass man das Grollen eines Gewitters ohne Regen auf weite Distanzen hören kann und das, bei lokalem Sonnenschein oder leicht bedecktem Himmel.

 

Jedenfalls ist es durch die unklare Befehlslage zu einer weiteren Unordnung gekommen. Auch weitere Artillerieeinschläge sorgten für vermehrte Konfusion und eine Zeitlang kam es zu gegenseitigen Artillerieduellen „bei denen sich die RAD (noch in Stellung Raum 410) bewährte.“

 

Da die feindliche Artillerie einen direkten Anstieg auf die Höhe (i.e.: 418) verbot, erhielt GM Ruiz den Befehl, die 3 rückwärtigen Reiterregimenter vorerst gedeckt in der Strypa-Niederung gegen Norden zu verschieben, damit sie dann in der Deckung ihre Aufstellungsräume gewinnen können. Die weiter vorne befindlichen 13er Ulanen sollten sich vorläufig links rückwärts der Artillerie zu deren Schutz in der Mulde bereitstellen, die von der großen Mulde gegen 418 hinaufzieht. Von dort sollten sie dann direkt zu ihrem Aufstellungsplatz am linken Flügel der Division hinaufreiten.“

 

 

Galerie unten:

 

 1. Der schmale Weg „in der Strypa-Niederung gegen Norden“, nach links die Abbiegung (der Weg des UR 1) über den Sumpf (heute auch teilweise zu einem Teich gestaut), geradeaus der Weg des DR 15 und danach der RAD 11, rechts davon unreitbare bewaldete Steilhänge („Wäldchen“). Hier entlang war auch in den Folgejahren des Krieges eine Hauptkampflinie mit russischen (1916) und deutschen (1917) Stellungen. Diese späteren Kampfstellungen sind heute noch im Boden erkennbar. Der Frontverlauf änderte sich hier auf lange Zeit kaum, da das Gelände jegliche Bewegung einschränkt: Die Kav Div verlor in dieser Sackgasse im Raum nördlich Meierhof Bezodnie, taktisch gesehen, seine Schlacht.

 

2. Das sumpfige Gelände in der Nähe dieses Weges von einem Standort jenseits (westlich) der Strypa, Blickrichtung Süden. Der Ort Wolczkowce versteckt sich hinter den höheren Bäumen im Mittelgrund.

Die Verschiebung der 3 Regimenter brauchte, obzwar er sich nur um die Zurücklegung von 6000 Schritten handelte, in der lang ausgezogenen Kolonne beträchtliche Zeit. Um ½ 11 Uhr vormittags war die Bewegung jedenfalls noch voll im Gange, die 1er Ulanen überschritten eben nördlich der Häusergruppe Wolczkowce eine zur Strypa ziehende Tiefenlinie, die 15er Dragoner bogen auf dem Hang ab, um den Sumpf zu umgehen und in den Raum nördlich des Wäldchens zu gelangen, die 9er Dragoner steckten noch im Defilee.“

 

Die Hauptgruppe der 10. russ Div hatte sich inzwischen in der Deckung der gegen das Nordende von Jaroslawice ziehenden Mulde massiert bereitgestellt, um den Ausgang des Kosakenkampfes bei Höhe 411 vor Wolczkowce abzuwarten.

 

Zweifellos war das Abfahren der ersten (österr.) Geschütze vom russischen Artilleriekommandanten sofort bemerkt worden. Es ließ wohl keinen anderen Schluss zu, als dass die Gegner hinter die Strypa gingen.“

 


Lageentwicklung nach 1030 Uhr

Die Absicht war also, eine neue Gefechtsaufstellung für eine Angriffsposition auf Höhe 418 zu beziehen und auch die Artillerie dort (batterieweise) aufzuziehen. Da dies direkt von 410 auf 418 zu exponiert und gefährlich war, entschied der Kdt RAD 11 (Obstlt Dobringer) dies auch über die Mulde nach rückwärts und dann vorwärts auf 418 auszuführen:

 

Das Absetzen mit Einholen der Protzen gestaltet sich unter dem anhaltenden Feuer der russischen Artillerie (bereits 9. russ Kav Div) vorerst nicht einfach, welche aber dann glücklicherweise einen Stellungswechsel vornahm, um ihr Feuer auf die noch im Wald von Hukotowce verteidigenden 4. Kp/LW zu verlegen.

 

In der Enge bei Meierhof Bezodnie angekommen, erreichte die Artillerie der Befehl, vorläufig eine Bereitstellung westlich des Wäldchens (das heißt im engen, versumpften Raum der Strypa) zu beziehen und nicht auf 418 vorzufahren“.

 

Nur die 15er Dragoner kamen vorerst im zugedachten Raum am Hange nördlich des Wäldchens an und postierten ihre MG-Abteilung auf die Höhe. Die beiden anderen Regimenter waren aufgrund des Missverständnisses um den Rückzugsbefehl noch immer nicht in Position“.

 

Die 1er Ulanen marschierten daher hinter der Tiefenlinie der Strypa auf, um das Herankommen der 9er Dragoner abzuwarten. Die 9er Dragoner vollzogen ihre Aufstellung hinter den 1er Ulanen.

 

Oberst Kopecek (9er) führte sein Regiment aber um die Ulanen herum; um eine bessere Position in der vor ihnen liegenden Höhe einzunehmen“. Es entwickelte sich ein Disput der beiden Rgtkdt darüber. Die Ulanen ritten darauf sogar hinter die Dragoner, im Glauben, dies wäre der richtige Befehl gewesen („hinter die Strypa“).

 

 

Bild unten:

Skizze ins  Geländebild (Nordwest-Blick) übertragen, Stellungsräume UR 1 und DR 9 (Pfeil = Verschiebung) sowie Aufmarschraum des DR 15, nördlich des „Wäldchens“ (linke Bildecke bzw. blauer Pfeil: etwa die linke, hintere Eskadron ). Hierherauf musste später auch die Artillerie in Stellung gebracht werden, derzeit in der Skizze noch am Sumpfweg.

General Keller erkannte den Nord-Aufmarsch der 4. Div und beschloss dem Gegner zuvorzukommen und ihm womöglich in der Flanke anzufallen. GM Markoff erhielt den Auftrag, seine Brigade mit Benützung der Mala Strypa (Graben nördlich Jaroslawice) vorrücken zu lassen, um ungesehen dem Gegner die Nordflanke abzugewinnen. GM Markoff ließ bei Kote 381 in die von Nordwesten herabkommende Tiefenlinie abbiegen, um auf die Höhe westlich des Meierhofes (Folwark/Vorwerk) Lipnik zu kommen.

Auf österreichischer Seite geschah zeitgleich Folgendes:

Die 13er Ulanen stellten sich zum Schutz der Artillerie in der Mulde bereit, über Kote 418 sollten sie dann direkt zu ihrem Aufstellungsplatz am linken Flügel der Division reiten. Sie bewegten sich damit nach links vorwärts der gesamten Division, die sich nunmehr „hinter“ dem „Wäldchen“, also westwärts dem Steilabfall zur Strypa befand. Offenbar erlaubte nun das verlegte russische Artilleriefeuer den 13er Ulanen eine rasche Bewegung knapp westwärts des Höhenrückens 410-418-419.

 

An der Südwest-Ecke des Waldes Maierhof Lipnik entdeckte der russische Vortrupp die Österreicher (i.e.: die 13er), worauf die Schwadronen links vorwärts im Galopp aufmarschierten. Die (russischen) Ulanen mussten über den Rücken hinüber und in die südliche Niederung wieder herabreiten, um jenseits die ziemlich steile Höhe hinaufzuklimmen. Die halbe MG Abteilung der Brig Markoff suchte südlich des Waldes Lipnik eine Stellung“.

 

In Wahrheit gibt es dort, auf russischer Seite, keine „ziemlich steile Höhe“, der Hang zieht sich ständig ansteigend hinan. Diese Aussage des Hinauf- und Hinunterreitens dürfte nur die 4. Eskadron des russ Dragoner (!) Regiments 10 betroffen haben (siehe Skizze), um in die befohlene Aufschwenkposition kommen zu können.

 

Galerie unten:

 

1. Vergleich Skizze/Karte: Vormarsch der russ. Kolonne Südlich Meierhof (Folwark) Lipnik in Richtung Höhe 418 (nicht maßstabsgetreu). 

2. Gleichzeitiger Parallelvormarsch des UR 13 in Richtung Höhe 418.

3. Anstieg des UR 13 von der Höhe 418 aus, Blickrichtung SW Richtung Wolczkowce.

4. Anstieg der russischen Kolone von der Höhe 418 aus, Blickrichtung NO, Richtung Folwark Lipnik. 

 


Der Beginn des Reiterkampfs

Seit 2 ½ Stunden waren die beiden Kav Div gegeneinander im intensiven Kampf, ein klassisches Kavallerie-Gefecht gab es bisher aber noch keines. Das sollte sich nunmehr ändern.

 

Als Oberst Spannocchi in der aus der Tiefe südwestlich des Folwarkes Lipnik sich in spitzem Winkel zur Marschrichtung seines Regiments heranwälzenden Staubwolke an einzelnen Seitenreitern russische Kavallerie erkannte, die einen beträchtlichen Vorsprung gegenüber seinen in der Tete (Spitze) etwa westlich Trigonometer 418 angelangten Ulanen hatten, kommandierte er Galopp, um dem Feinde zuvorzukommen, welcher der noch nicht kampfbereiten 4. Kav Div in die Nordflanke zu kommen drohte."

 

Folgend, das gefechtsauslösende Agieren des Kdt der 2. Hälfte des UR 13, Major Emil Vidale:

 

Vidale ….  (vorher bei seiner 3. Eskadron, dann rechts der Kolonne auf der Anhöhe/Kammlinie) sah tatsächlich die etwa 1600 Schritte entfernte aufmarschierende (russische) Linie, hinter der anscheinend noch in Kolonnen formierte Reserven folgten. Inzwischen war schon die (hintere) Queueschwadron, die 1., an ihm vorbeigekommen. In der gerechtfertigten Befürchtung, dass die nichts ahnende, sich eben erst sammelnde Kav Div unfehlbar von den anstürmenden Russen in die sumpfige Niederung zurückgeworfen werden würde, führte er seine 7 Züge aus der Kolonne derart heraus, dass sie beim Rechtsaufschwenken sofort in die entsprechende Front gelangen konnten".

 

Gemäß Buch-Skizze war das gesamte UR 13 ursprünglich in einer geschlossenen Kolonne. Das Aufnehmen des Galopps an der Spitze der Kolonne konnte durch keine Eskadron übersehen worden sein, selbst wenn das Rgt in 4er-Kolonne marschierte (Normtiefe =~860 m). Auch die Skizze lässt dies annehmen und zeigt gleichmäßige Abstände zwischen den Eskadronen. Kein Eskadrons-Kommandant hätte eigentlich „übersehen“ können, dass die vorderen Teile der Kolonne des UR 13 in Galopp übergehen.

 

Major Vidale führte die 2. Hälfte des Regiments, die 3. und 1. Eskadron und die Pioniere. Die Aufgabe des „Halb“- Regimentskommandanten wäre es somit gewesen, den Entschluss des Kommandanten an der Spitze auf die tieferen Teile weiterzubefehlen und weiter den Anschluss an die 1. Regimentshälfte zu halten.

 

Was sagen diese entscheidenden Textstellen/Angaben aus?

 

Der RgtKdt des UR 13, Oberst Spannocchi, erkannte einen,

  1. nach seiner Beurteilung, gefährlich großen russischen Kavallerie-Körper, parallel ostwärts zu seiner Kolonne und

  2. wollte so rasch wie möglich mit dem Regiment weiter Höhe gewinnen und kommandierte dazu Galopp. So wie es im zitierten Text steht, war dies somit eine klar erkenntliche Absicht des Kdt UR 13

Major Vidale wiederum, schätzte die Lage offenbar anders ein. Sein selbständiges Handeln wird wie folgt gerechtfertigt:

  • Feind bereits in der Nähe von 1600 Schritte (1200 Meter:) Das erscheint in der Skizze allerdings auch etwa die Länge der gesamten Kolonne des UR 13 zu sein (vermutlich war in Realität die Kolonnen-Tiefe etwas weniger als 900 m). Diese Distanz entspricht etwa einer 5 Minuten Reit-Zeit (Trab: 225 m/min, Galopp 340 m/min). In diesen 5 Minuten wäre das gesamte Regiment nördlich der dominierenden Höhe 419 gewesen und das gesamte Regiment hätte die Russen im linken Flügel überragt, bevor diese die Anhöhen erreicht hätten.

  • ..die nichts ahnende, sich eben erst sammelnde Kav Div…“: In der Originalskizze befindet sich das DR 15 westlich der Ulanen von Vidale, bereits in geschlossener Formation Das DR 15 hatte sogar schon den Säbel ergriffen, da der russische Oberst Bogorodenkin mit 14 Reitern aus dem Raum Friedhof Wolczkowce (Kosaken) in den Raum RAD 11 (Raum Mulde) vorgesprengt war. Die anderen beiden Regimenter sind weit weg von jeder unmittelbaren Bedrohung.


Emil Vidale, hier im Bild (K.u.k. Kriegs-pressequartier, Lichtbildstelle - Wien, 1917, ÖNB, WK1/ALB012/03140) als späterer Oberstleutnant und Kdt des bosnisch-herzegov. Baon V/bh.1, wurde schwer verwundet gefangen genommen und war nach dessen Freilassung aus russischer Gefangenschaft an der Isonzofront (Oberst).

 

Einige Textpassagen deuten an, dass er für das Buch

als Primärquelle diente.

 

1919 war er eines Komplotts zur Wiederherstellung der Monarchie beschuldigt und galt als Führer des „Schutzbunds zur Erhaltung von Staat und Gesellschaft“. Er war weiter als Monarchist politisch tätig (u.a. für die Abschaffung des 1. Bundesheers wegen mil. Unfähigkeit und politischer Unzuverlässigkeit). Am 15. Mai 1933 beging er Selbstmord durch Revolverschuss ins Herz.


Den mit den anderen Schwadronen schon weit entfernten Regiments-Kommandanten zu verständigen, ging im Drange der Umstände nicht mehr an, doch sah der Major den Stab des GM Ruiz in der Nähe stehen, dem er in kurzen Worten die Situation und seinen Entschluss zurief, dem Feinde durch eine Gegenattacke Aufenthalt zu bereiten." 

 

"Der Brigadier winkte zustimmend mit der Hand, worauf Vidale die Säbel ergreifen ließ und die Division (= das Halb-Regiment UR 13) im Trab auf die Höhe führte, von wo er mit schmetterndem Attackensignal, seinen Leuten auf dem Vollblut viele Pferdelängen voraus, dem Feinde entgegengaloppierte.“

 

Folgende Fragen drängen sich hier auf:

  • ..mit den anderen Schwadronen schon weit entfernten Regimentskommandanten“: Warum ist der RgtKdt schon so weit entfernt? Hat Major Vidale durch ein Missgeschick, entgegen der Skizzeneintragung, den Anschluss an die Kolonne gebrochen? Wie groß war der Abstand bereits, dass der Drang der Umstände eine Meldung nicht mehr erlaubte (zumal ja Oberst Spannocchi nach den Schilderungen nach, deshalb zum Galopp befahl, weil er selbst die Russen bereits erkannt hat)

  • Gegenattacke? Die Russen hatten ja nicht einmal attackiert und befanden sich im Vormarsch auf Höhe 418

  • Der Brigadier winkte zustimmend mit der Hand…“ Dieses Winken einer Hand (im allgemeinen Chaos und Stress der Handlungen) zog eine augenscheinliche Dokumentation nach sich, so viele andere Wesentlichkeiten des Ablaufs des Gefechts aber nicht?

Die Phantasie der Autoren Hoen/Waldstätten erscheint hier deutlich „durchzugehen“...die Wahrheit muss woanders liegen...

 

Es heißt weiter: „Rittmeister Herzig, Kdt der Dragoner-MG Abteilung wollte auf eine Höhe gelangen, wo sich ein guter Ausschuss gegen Osten bot. Die vorbeiziehenden Ulanen standen ihm in Wege, doch gelang es ihm samt der Bedeckungs-Halbschwadron (also etwa 70 Reiter) in scharfer Gangart, durch die in Folge des Haltens (!) der I. Division (Major Vidale) entstandenen Lücke zu kommen.

 

Also war das Halten Vidales kein Halten wegen des herannahenden Feindes! Denn, es heißt weiter:

 

"Er nahm nun an der Kote 419 Stellung und fand bald ein Ziel, eine aus der Richtung von Manilowka herankommende Lawa – tatsächlich die Kette der russischen Gefechtspatrouillen-, die er mit dem Aufsatz 2000, 1800, und 1600 im Maße ihrer Annäherung beschoss, was die Feinde endlich zum Verschwinden in deckenden Terrainfalten veranlasste, ein Grund, dass die Russen später von den Gegenattacken (sic!) gänzlich überrascht wurden….

 

"Plötzlich sah er die aufmarschierenden Novgorod-Dragoner auftauchen, die er für den rechten Flügel der vorher beschossenen Lawa hielt. Sein gut sitzendes Feuer auf die kurze Distanz von kaum 600 Schritten trieb den sichtbaren rechten Flügel der Novgoroder rasch seitwärts in die deckende Mulde, wo sich die beiden Schwadronen eng zusammenschoppten.“

 

Diese Textstellen bringen noch mehr Diskrepanz in das eingangs Geschilderte. Die „vorbeiziehenden“ Ulanen waren offenbar die vordere Kolonne des UR 13. Major Vidale hielt also offensichtlich an und die MG-Abteilung konnte in die Lücke vorrücken. Wieso hielt er aber solange an, dass die MG-Abteilung und mindestens 2 Züge, die Halb-Schwadron, etwa 70 Reiter in die Lücken kommen konnten? Zum Rechtsaufschwenken ist dieser Halt nicht notwendig.

 

Oberst Spannocchi ritt hinter der 4. Eskadron, am Ende der vorderen Hälfte des Regiments und hätte das Abbrechen der Kolonne sowie das In-Stellung-gehen der MGs sofort sehen müssen und kaum ignorieren können. War die Kolonne entgegen der Skizzendarstellung schon vor dem Zeitpunkt des Erkennens der Russen etwa nicht mehr geschlossen? Sehr wahrscheinlich.

 

Major Vidale könnte aufgrund seines Abreißens zum vorderen Teil des UR 13 mutmaßlich mit der zweiten Hälfte des Rgts eine Abkürzung direkt über die Höhe 418 auf 419 versucht haben, um aufzuschließen, womit er mit seinen Teil in eine bedrohliche Flankenposition durch die Russen kam und somit alleine in Bezug auf diese Bedrohung entscheiden musste. Das alleine würde Sinn für sein Aufschwenken gemacht haben.

 

Die MG-Abteilung ging also von sich aus selbständig bei Höhe 419 in Stellung und beschoss die Gefechtspatrouillen der Russen (zuerst auf 2000 Schritt Entfernung, also weit vor der eigentlichen russischen Attacke!), welche sich daraufhin in die Mulde zurückzogen (!). Also war da nicht nur eine Lücke zwischen den Teilen des UR 13, sondern auch zwischen Major Vidale und der MG-Abteilung.

 

Später heißt es, dass das „Attackensignal Oberst Spannocchi die erste Kunde von den Vorgängen in seinem Rücken brachte“. Kann das Attackensignal vor der MG-Feuereröffnung gegeben worden sein? Wohl kaum, nachdem die russischen Vor-Patrouillen auf 2000 Schritt Entfernung bereits unter Feuer genommen wurden.

Kann das MG-Feuer überhörbar gewesen sein? Nein, sicher nicht.

 

Die Angaben von Hoen/Waldstätten sind zudem untereinander nicht stimmig:

„Hätte er (Vidale) mit seinen beiden Schwadronen den Maschinengewehren nicht alsbald das Schussfeld verlegt, so würde das wirksame Feuer die (russischen) Ulanen bei ihrem Erscheinen auf der Höhe wohl ebenso wieder in die deckende Tiefe gescheucht haben, wie die Dragoner“  (hier waren offenbar die beiden nördlichsten Schwadronen des russischen D 10 gemeint, auf die die österr. MGs wirken konnten).

 

Galerie unten:

 

1. Der Verfasser bei der taktischen Suche nach der österr. MG-Stellung bei Kote 419. Zu sehen der Wald bei Meierhof Lipnik. Die 4. Schwadron des russischen DR 10 gelangte in dieses Schussfeld und wurde durch das Feuer nach Süden gedrängt. Durch die Position des MGs konnte der Platz und Verlauf des kavalleristischen Nahkampfes im Gelände genau nachvollzogen werden. Der typische natürliche hohe Gras-Bewuchs an dieser Stelle erforderte damals sicher eine volle Erhöhung der Lafette des österr. Maschinengewehrs.

 

 2. Feuerbereich der MGs, roter Bogen markiert den Aufmarschraum der rechten (nördlichen) Flanke der russischen Kavallerie.

 

3. Österreichisches MG „SCHWARZLOSE“.

 

4. MG-Trupp verladen, bei Kav MG-Abteilungen war zudem die Mannschaft auch beritten und die Packpferde wurden als Handpferde geführt.

Wieso also die Attacke? 

 

Vidales Attacke erfolgte deutlich nach der Feuereröffnung der MGs. Die Lücke zu den vorderen Teilen des UR 13 muss also sehr groß gewesen sein, bedenkt man auch die Zeit zur Herstellung der Feuerbereitschaft.

Vidale muss den begonnenen Feuerkampf der MGs gehört haben sowie auch, dass er mit seinem Angriff in deren Schussfeld heranritt: „Ein Grund, dass die Russen später von den Gegenattacken gänzlich überrascht wurden“.

 

Klüger wäre es allerdings allenfalls gewesen, nicht über die Höhenlinie hinaus zu attackieren, nur aufzumarschieren und die Wirkung des MGs abzuwarten. Das widersprach aber zu Beginn des Weltkrieges ganz offensichtlich dem damaligen österreichischen Kavallerie-Ethos und hat auch mit dem damalig latenten Mangel an Erfahrung über die „neuen“ Waffen zu tun. Monate, ja bereits Wochen später sind die österreichischen Eskadronen in ähnlichen Situationen abgesessen, wie es die Kosaken bereits von Beginn dieser Kampfhandlungen an aus den Erfahrungen aus dem japanischen Krieg taten, und hätten die russischen Reiter mit Karabiner-Feuer empfangen (nachvollziehbar aus den Kriegstagebüchern des DR 5).

 

Auch der in der Nähe befindliche Brigadekommandant Generalmajor Ruiz hat diesbezüglich versagt. Seine Aufgabe wäre es gewesen, die MGs und die Ulanen (Feuer und Bewegung) zu koordinieren.

 

Zaremba (und Spannocchi als RgtKdt) wurde nun nicht durch den Feind oder das Gelände die Handlungsfreiheit genommen, sondern durch die eigenen Offiziere.

 

Major Vidale wird im Buchtext als Retter stilisiert, das war er aber nicht. Menschlich gesehen, ist sein Handeln zu verstehen: Das „Ethos eines k. u. k. Kavallerie-Offiziers“ zur aufgesessenen Attacke und der entstandene, aufgestaute Frust durch die „Flucht“ aus Jaroslawice...

 

Der Regimentskommandant Spannocchi, nördlich Höhe 419, wollte sein Regiment wieder in den Griff bekommen (er war nicht an deren Spitze, wie bereits erwähnt), welches immer noch in Kolonne und Galopp Richtung Norden ritt.

Nur die 4. Eskadron als Queue der vorderen Regiments-Division drehte ein, „als sie einem Feind (die MGs und die Pioniere der 10. russ Div) beim Waldeck südwestlich Meierhof Lipnik gewahr wurde“.

 

Die russ. MGs und die Pioniere der 10. Div setzten sich nach Beschuss durch die österr. MGs in den Wald ab, bezogen dort Stellung und „diese russischen Teile der 6. und 5. Eskadron sperrten mit Feuer den Weg des UR 13 auf das Kampffeld“.

 

Der RgtKdt Spanocchi verlor die Einwirkung auf sein Regiment damit gänzlich.

 

 

Galerie unten:

 

1. Das Mêlée-Feld auf der Anhöhe mit Blickrichtung Süden. Der Rand des Maisfeldes, der Weg von 419 nach Süden und Norden ist die Höhenlinie („Gipfel“), über welche Vidale hinaus attackierte. Im linken Bild ist am Horizont die Berimowka - Anhöhe zu erkennen, im Mittelfeld die bewaldete Senke von Jaroslawice. 

 

 2.  Vidale attackiert mit 2 Eskadronen über die Höhenkante hinaus 5 russ Eskadronen.